Interview mit Wolfgang Mayr

Am 16.5.2014  interviewte ich für Sie Arch. DI Wolfgang Mayr, Inhaber eines erfolgreichen Architekturbüros mit 5 Mitarbeitern und rund EUR 430.000,- Jahresumsatz. Doch das war nicht immer so. Im Jahr 2008 kämpfte er sich durch ein Sanierungsverfahren. Im persönlichen Gespräch verrät er mir, wie es zur Konkurseröffnung kam und was er heute anders macht.

 

© barbara-huber.at

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Lieber Wolfgang, danke, dass wir hinter deine Kulissen blicken dürfen. 2008 musstest du mit deinem Unternehmen Insolvenz anmelden. Wie kam es dazu?

Zu dieser Zeit steckte ich in einer persönlichen Krise. Die Arbeit machte mir keinen Spaß mehr, die Auftraggeber nervten mich und die Stimmung unter meinen Mitarbeitern im Architekturbüro war schlecht. Viele Aufträge überstiegen an Arbeitsaufwand das vereinbarte Honorar und selbst dieses musste ich mühsam eintreiben.

Ich verlor die Lust an meinem Unternehmen und suchte nach einer anderen Herausforderung. Damals versuchte ich mein Glück mit network-marketing und konzentrierte mich intensiv auf den neuen Geschäftszweig.

 

Was ist mit deinem Architekturbüro passiert?

Mein Architekturbüro vernachlässigte ich. Ich wollte einfach etwas anderes machen. Die entscheidende Wende kam erst in einem Urlaub auf Costa Rica. Ich las das vom Network empfohlene Buch „So denken Millionäre“ von T. Harv Eker. Der Autor stellte darin die Frage: Was wäre das Schlimmste, was dir je passieren könnte? Da erkannte ich, dass ich meinen Beruf als Architekt liebe und ich keinesfalls wollte, dass das Büro „den Bach runter geht“.

 

Eine schwerwiegende Erkenntnis angesichts der geschilderten Probleme in deinem Arbeitsalltag! Was waren deine nächsten Schritte?

Ich wandte mich wieder voll meinem Beruf zu und setze mich mit meinen wirtschaftlichen Problemen auseinander. Wenn man weiß, was man will, muss man etwas dafür tun! Ich habe mich dazu überwunden und Insolvenz angemeldet. Da ich jedoch die Berechtigung als Ziviltechniker nur behalten konnte, wenn ein Sanierungsverfahren genehmigt wurde, setze ich alles daran, ein entsprechendes Konzept zu erarbeiten. Ich ließ mich auf wirtschaftlicher Ebene durch den Masseverwalter und meine damalige Steuerberaterin begleiten.

 

Das klingt jetzt sehr sachlich, wie bist du emotional mit dieser Situation umgegangen?

Es war sehr hart, denn ein Sanierungsverfahren betrifft nicht nur dich, sondern auch dein gesamtes Umfeld. Familie, Freunde und natürlich auch deine Mitarbeiter sind betroffen. Ich habe heute noch keinen Kontakt zu einigen ehemaligen Mitarbeitern, die über die damalige Situation einerseits geschockt und andererseits verärgert sind. Ich empfehle allen Unternehmer/innen, die so etwas durchmachen (müssen), sich auch persönlich durch einen Coach oder Therapeuten begleiten zu lassen.

 

Was war das Schwierigste im gesamten Prozess?

Es ist wichtig, dass du dein Ziel immer fix vor den Augen hast, denn Gründe zum Aufhören gibt es immer!

Ich kann mich noch gut an den Moment erinnern, als mir der Masseverwalter monatlich EUR 750,- Notstandsgeld zusprach und alleine meine Miete EUR 500,- ausmachte. Es tat auch weh, als ich meinen neuen 3er BMW der Leasingfirma zurückstellen musste und weit und breit kein öffentliches Verkehrsmittel zu sehen war. Mein Selbstwert war ziemlich angeknackst!

 

Und wie hast du ihn wieder zurückerlangt?

Ich habe mich meinen Ängsten und Zweifeln gestellt. Der Existenzangst begegnete ich, indem ich begann, meine Ausgaben genau aufzuschreiben. Ich lernte mein Geld zu managen und das tue ich heute noch. Ich kaufte mir einen sehr alten Peugeot 205 und erkannte, dass dieser genauso gute Dienste tut.

Ich nahm mir auch meine persönlichen Auszeiten aus der Krise und machte lange Spaziergänge am Berg. Als neuen Sport entdeckte ich slacklining, denn am Seil stehend bist du immer fokussiert und im Gleichgewicht – eine wunderbare Metapher für diese Lebenssituation zugleich.

 

Wie reagierte dein Umfeld auf deine neue Lebenssituation?

Es gibt immer Personen, die sich von dir abwenden. Aber es gibt auch viele Personen, die dich aufbauen. Ein Auftraggeber beispielsweise erzählte mir von den Krisen in seiner Unternehmerfamilie. Es komme nur darauf an, einmal öfter aufzustehen, als niederzufallen. Das ist übrigens noch heute meine Lebensphilosophie.

 

Eine schöne Lebenseinstellung. Verrate uns doch bitte, wie du es geschafft hast, betrieblich nochmals aufzustehen.

Ich habe sofort begonnen, Rechnungen zu schreiben. „Das hat gleich einmal geholfen.“ (*lacht*). Ich habe mich von Verpflichtungen befreit, die finanziell nicht mehr tragbar waren. Ich habe Verträge beendet, Wirtschaftsgüter verkauft und Mitarbeiter gekündigt.

Mein Masseverwalter hat mir geholfen in meine Auftragsstruktur Ordnung zu bringen. Ich habe mühevolle Aufträge gekündigt und erstmals gelernt die Auftragssumme bei Überschreitung nach zu verhandeln. Ich habe erkannt, dass ich oft für Bagatellbeträge gearbeitet habe, nur weil ich mit dem Projekt emotional verbunden war oder mit die Anerkennung von meinen Auftraggebern gewünscht habe.

 

Was machst du heute anders als vor dem Konkurs?

  • Ich verhandle Honorare nach, wenn Mehrleistungen anfallen und v.a. schreibe ich alle 14 Tage meine Rechnungen
  • Mir ist bewusst, dass mir die Umsatzsteuer nicht gehört. Daher nehme ich sie gar nicht als Einnahme wahr.
  • Ich habe eine Assistentin, die mich in den organisatorischen Dingen entlastet und auch Buchhaltung und Mahnwesen für mich übernimmt. Damit kann ich mich auf meine Hauptarbeit (Architektur) konzentrieren und habe trotzdem meine Zahlen im Griff.
  • Ich kündige Mitarbeiter, wenn die Arbeitsleitung nicht passt oder vereinbare Teilzeitarbeit, wenn ich zu wenige Aufträge habe.

 

Und in der Architektur selbst – arbeitest du da auch anders?

Ja, ich bin in manchen Punkten nicht mehr kompromissbereit. Auch wenn mich das den Verlust des Auftrages kostet. Ganz getreu meinem neuen Credo „Wir geben ihrem Leben Raum!“ fokussiere ich mich bei der Planung auf die (Lebens)bedürfnisse der Bewohner/innen und nicht notwendigerweise auf die Wünsche der Auftraggeber. Der Erfolg gibt mir Recht: Alle seit damals realisierten Wohnbauprojekte zeichnen sich durch sofortige Vermietung und mangelnden Leerstand aus.

 

Lieben Dank für das interessante Interview!

 

(abgedruckt im Magazin 3/2014 der Jungen Wirtschaft Wien)

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